Den folgenden Artikel findest Du im englischen Original unter: http://www.scotthyoung.com/blog/
Guy Kawasaki (ein ehem. Apple-Mitarbeiter) hat eine interessante Formel, um den Wert eines Start-Ups festzustellen: “Addiere für jeden Vollzeit-Ingenieur 500.000 US-Dollar und Ziehe für jeden Vollzeit-Betriebswirt 250.000 US-Dollar ab.” Diese Äußerung macht auf einen interessanten Punkt aufmerksam: Behindern die ausgeprägten analytischen Fähigkeiten eines Betriebswirtes die kreativen Prozesse die für eine Unternehmensfürhung benötigt werden?
Und eine noch viel größere Frage wäre: Wenn man etwas liest, wird man dadurch schlechter darin es zu tun?
Ich weiß nicht wie ein Abschluß in Betriebswirtschaft die unternehmerischen Fähigkeiten beeinflusst. Ich glaube es hängt mehr von Deinen Zielen und Deiner Persönlichkeit ab, als von Deiner Bildung. Aber ich denke die oben gestellte Frage ist es wert einen genaueren Blick auf sie zu werfen. Analyse und Aktion sind zwei völlig unterschiedliche Dinge und ich denke, dass es Umstände gibt in denen übermäßiges Lernen schaden kann.
Vom freien Denken zur Lehrmeinung
Wenn Du wenig Wissen zu einem Thema hast, hast Du auch kein falsches Wissen. Die frischen Ansichten eines Anfängers haben einen Vorteil: Sie kommen nicht mit der Last falscher Ratschläge.
Rob Warren, ein Professor der mich in Unternehmensfürhung unterrichtet, sagte einmal, dass unser Lernen möglicherweise unsere Fähigkeit behindert, ein großartiger Unternehmer zu werden. “Ihr kommt mit offenen Ansichten hierher und wir zwängen Euch in eine begrenztere Denkweise.”
In manchen Lebensbereichen ist theoretischen Wissen unheimlich brauchbar. Wenn es darum geht wie eine Leiterplatine funktioniert, würde ich eher der Beschreibung eines Ingenieurs in Elektrotechnik glauben, als meinen eigenen Annahmen die auf meinen Umgang mit Elektrizität basieren. Es handelt sich bei diesen Lebensbereichen um die, die sehr allgemein sind und in denen es schwierig ist einen hohen Grad an Erfahrung zu sammeln. Für die Wissenschaft treffen für gewöhnlich beide Kriterien zu.
Aber in manchen Bereichen schlägt die Erfahrung die Theorie. Ich würde mich lieber auf meine eigenen Erfahrungen ein Unternehmen zu führen verlassen, als auf einen Betriebswirtschafts-Studenten, der nie in meiner Branche gearbeitet hat. Der Grund dafür ist, dass das was für mich funktioniert noch lange nicht für Dich funktionieren muss. Unterschiede gibt es überall und Dinge sind manchmal viel zu kompliziert, um sie in eine große Theorie zu packen.
Es kann also tödlich sein, viel Zeit damit zu verbringen Theorien zu lernen, ohne praktische Erfahrungen zu sammeln. Warum? - Weil von zehn Dingen die Du lernst, eines falsch ist. Es muss nicht unbedingt für jeden falsch sein, aber für Deinen Fall könnte es verdammt falsch sein.
Auf den ersten Blick mag das kein Problem sein. Ein Fehler bei so vielen guten Ratschlägen ist doch nicht so schlecht. Aber ein Programmierer wird Dir sagen, dass wenn Du mit einem Fehler in jeder zehnten Programmcodezeile ankommst, Du vom Computer ferngehalten werden solltest. Es sit schwieriger eine falsche Sache zu vergessen, als sie zu lernen.
Ein Buch pro einhundert Praxisstunden
Ich denke es gibt einen Weg das zu verhinden: gleiche Deine Erfahrungen mit dem was Du liest ab. Das heisst, Du solltest ungefähr einhundert Stunden reale Erfahrungen pro Buch sammeln, dass Du über ein bestimmtes Thema liest.
Das ist zwar eine total erfundene Regel, aber ich denke die Zahlen sollten ungefähr passen.
Theorie in Balance mit Erfahrung zu halten. hält Dich davon ab, falsche Ideen aufzunehmen. Ich schreibe genug, so dass ich, wenn ich etwas falsches über Schreibstile lese, es getrost ignorieren kann. Und selbst wenn ich es nicht ignoriere, würde die Idee schnell Schwachstellen aufweisen, wenn ich beginnen würde sie beim Schreiben einzusetzen. Ich bin von den besten Schreibern weit entfernt, aber ich habe eine Menge Übung darin.
Wofür gilt die Regel nun? Alles was in die zweite Kategorie von Fähigkeiten fällt, die ich weiter oben in diesem Artikel erwähnt habe: Erfahrung schlägt Theorie. Je spezieller, subjektiver, zufälliger und komplexer das Thema, desto unbrauchbarer sind Theorien. Hier ein paar Besipiele:
- Schreiben
- Unternehmensführung
- Design
- Musik
- Verabredungen
- Dating
- Persönliche Weiterentwicklung
- Führung
- Produktivität
Es gibt noch mehr Bereiche, die in die Grauzone zwischen Wissenschaft und Intuition fallen. Praktizieren hat ein paar einfache und sehr allgemeine Regeln denen man folgen sollte. Die Disziplin aufzubauen Dinge regelmäßig praktisch umzusetzen und Gefallen daran zu finden, ist sehr speziell und braucht Erfahrung. Aber so sind die meisten Dinge im Leben.
Sollte ich weniger lesen?
Solange Du nicht 15 Stunden am Tag eingeschlossen in einem Raum mit Lesen verbringst, würde ich sagen die Antwort ist nein. Die meisten Menschen lesen nicht genug, statt zu viel. Ändere das was Du liest, nicht die Menge. Sogar im kreativen Bereich können Bücher brauchbar sein, solange sie mit ein paar praxis-orientierten Beispielen versehen sind.
Wenn Du viel über ein Thema liest, aber nicht mindestens dreimal soviel Zeit damit verbringst es anzuwenden, solltest Du aufhören darüber zu lesen. Wenn Du drei Stunden am Tag über Verabredungs-Tips im Internet liest, solltest Du mindestens neun Stunden am Tag damit verbringen Menschen zu treffen um das zu rechtfertigen. Wenn Dein Buchregal gefüllt ist mit Selbsthilfe-Büchern, aber Du hast noch kein einziges Ziel aufgeschrieben und noch nicht einige Stunden in der Woche damit verbracht Deine Ziele zu erreichen, dann solltest Du aufhören noch mehr solcher Bücher zu kaufen.
Lesen kann Dir auch das Gefühl geben Du entwickelst Dich weiter. Solange es nicht intelligent angewendet wird, ist es nur aufgeschoben. Niemand hält Dich davon ab Menschen zu treffen, ein Unternehmen zu starten, eine Kurzgeschichte zu schreiben, eine Software zu programmieren, sich mit anderen zu organisieren oder Ziele zu setzen. - Lasse Blogs und Bücher nicht dazwischen kommen.
Den englischen Original-Artikel findest Du hier: Is Reading Making You Stupid? - by Scott Young