Rätselhafte Jazzgitarre

Alte Lady aus der DDR

In letzter Zeit scheine ich eine Anziehungskraft auf Holzprodukte aus der DDR zu haben (siehe Faltbootfahrt auf der Spree) und so bin ich eher zufällig in den Besitz einer ca. 30 Jahre alten Jazzgitarre geraten.

Auf den ersten Blick ist an der Gitarre nichts ungewöhnliches zu erkennen, aber viele kleine Details zeigen, dass in der DDR das Motto gegolten hat „Selbst ist der Mann“ und so grübel ich schon fast, ob diese Jazzgitarre vorher nicht vielleicht eine Schrankwand, ein Tisch, ein Stuhl oder vielleicht sogar alles zusammen war? 😉

alte Jazzgitarre (Front)
Frontansicht der Jazzgitarre
alte Jazzgitarre (Rückseite)
Ein schöner Rücken kann entzücken

Der Korpus der Jazzgitarre ist der größte Hingucker. Sowohl die leicht gewölbte Decke, als auch der Rücken sind in eine mehrschichtige Randeinlage eingefasst und auch die Schalllöcher in klassischer F-Form sind mit einem Binding versehen. Auch die Zarge macht mit einem leichten Streifeneffekt einen edlen Eindruck.

Bei der Zarge sind wir dann auch schon beim ersten DIY-Ansatz. Die ursprüngliche Anschlussbuchse ist einfach zugespachtelt und dafür ein Loch in die Decke gebohrt in der sich die optisch nicht so ansprechende Anschlussbuchse befindet. Hier wurde ganz klar nach dem Grundsatz gearbeitet: „Das muss nicht gut aussehen, das muss funktionieren.“

zugespachtelte Kabelanschlussbuchse (Jazzgitarre)
zugespachtelte Anschlussbuchse
Kabelanschlussbuchse und Regler der Jazzgitarre
„neue“ Anschlussbuchse auf der Decke
Saitenhalter einer Jazzgitarre
Saitenhalter der Jazzgitarre
Steg und Reiter (Jazzgitarre)
Steg mit Stegeinlage
Sattel der Jazzgitarre
alter und „neuer“ Sattel
Einlage im Griffbrett (Jazzgitarre)
Einlage im Griffbrett

Beim Saitenhalter bin ich mir nicht ganz sicher ob der nicht auch selbstgebastelt ist. Gerade die Befestigung an der Zarge sieht mir aus wie selbst gemacht. Das die Gitarre viele Jahre in Gebrauch ist sieht nicht nur am Rost an dieser Stelle, sondern auch an der Stegeinlage, die an den Stellen der Saite schon so durch ist, dass die Saiten direkt auf dem Steg aufliegen.

Was mich ins Grübeln gebracht hat ist der Sattel am Gitarrenhals. Der ist genauso massiv abgebnutzt wie die Stegeinlage, aber statt ihn auszutauschen wurde einfach ein neuer hinzugefügt. Nebenbei: Highlight in diesem Bereich ist übrigens der Nullbund.

Bei den Griffbretteinlagen bin ich mir über das Material nicht ganz schlüssig. Ich denke aber das es kein Kunststoff oder ähnliches ist. Elfenbein kann ich aber auch ausschließen.

Hals mit Guckloch (Jazzgitarre)
„Guckloch“ am Hals
Halsverschraubung Jazzgitarre
Halsverschraubung
fehlendes Binding an Kopfplatte (Jazzgitarre)
beschädigtes Binding an der Kopfplatte
Kopfplatte der Jazzgitarre
Kopfplatte der Jazzgitarre
Mehrteiliger Hals (Jazzgitarre)
Mehrteiliger Hals
Stimm-Mechaniken (Jazzgitarre)
Geschlossene Stimmechaniken

Und weil wir schonmal beim Gitarrenhals sind: Das Guckloch zwischen Korpusdecke und Hals ist wahrscheinlich baulicher Natur. Der Hals ist mehrteilig und in ein Binding eingefasst das auch um die Kopfplatte läuft wo es leider schon beschädigt ist.

Die Stimmmechaniken scheinen mir auch eine nachträgliche Änderung zu sein. Ich hätte offene Mechaniken vermutet, die an die Gitarre moniterten sind aber geschlossen. Den sichtbaren Bohrlöchern an der Kopfplatte ist auch zu entnehmen, dass die aktuellen Mechaniken nicht immer an der Jazzgitarre waren.

Tonabnehmer an der Jazzgitarre
Tonabnehmer
Tonabnehmerverkabelung (Jazzgitarre)
Verkablung über das Schalloch

Der Tonabnehmer an der Jazzgitarre und dessen Verkablung weckt den Eindruck, dass hier nachgerüstet wurde. Die zugespachtelte Anschlussbuchse an der Zarge widerspricht dem aber. Es ist gut möglich, dass der ursprüngliche Tonabnehmer ausgetauscht wurde und die Verkablung der Einfachheit halber außen über das Schallloch führt. Auf jeden Fall funktioniert der Tonabnehmer.

Auch wenn Einiges an der Gitarre sehr notdürftig erscheint und des Alter auch schon seine Spuren hinterlassen hat, ist dieses Instrument noch bespielbar. Durch die massiv beanspruchte und abgenutzte Stegeinlage hat die Gitarre einen leicht schnarrenden Sound, der sich auch auf die Deckenschwingung auswirkt und so einen „heiseren“ Klang erzeugt.

Sicherlich könnte man einiges an der Jazzgitarre machen, aber ich glaube diese Gitarre hat soviel erlebt, das darf man ihr einfach nicht wegnehmen. Vielleicht werde ich mal mit dem Vorbesitzer noch einen kleinen Plausch über diese Gitarre führen, um mehr über ihre Geschichte zu erfahren. Vielleicht erklären sich dann auch einige der Sonderlichkeiten die diese Jazzgitarre mitbringt.

Ein Gedanke zu „Rätselhafte Jazzgitarre“

Schreibe einen Kommentar